Chinesische Unternehmen in der deutschen Wirtschaft: vom quantitativen Wachstum zum qualitativen Wandel

Quelle: Yicai.com, Pan Yinru, 4. November 2015, 15:55:00

Am 29. und 30. Oktober absolvierte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren achten China-Besuch und stellte damit einen Rekord unter westlichen Regierungschefs auf. Sie brachte Kooperationsvereinbarungen im Gesamtwert von 18,6 Milliarden Euro mit. Dazu gehörten ein Auftrag über 130 Airbus-Flugzeuge, eine strategische Zusammenarbeit zwischen Volkswagen und der Industrial and Commercial Bank of China sowie die Gründung der China Europe International Exchange durch Deutsche Börse, Shanghai Stock Exchange und China Financial Futures Exchange. Diese großen Geschäfte in Industrie und Finanzwirtschaft zeigen die Breite und Tiefe der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen.

Seit 2008 sind immer mehr chinesische Unternehmen auf dem deutschen Markt aktiv. Ein Meilenstein war 2012 die Übernahme von 100 % der Anteile am weltweit führenden Betonmaschinenhersteller Putzmeister, bekannt als „Elefant“, durch den chinesischen Baumaschinenkonzern Sany. Sie fand europaweit große Beachtung.

Deutschland ist inzwischen das bevorzugte europäische Investitionsziel chinesischer Unternehmen. Nach dem jüngsten Investitionsbericht von Germany Trade & Invest stand China 2014 erstmals an der Spitze der ausländischen Projektinvestoren in Deutschland: Mit dem Rekord von 190 Projekten lag es deutlich vor den USA mit 168 und der Schweiz mit 130.

Warum ist Deutschland für chinesische Unternehmen so attraktiv? In welche Branchen investieren sie, und welche Trends sind zu erwarten? Die China Business News interviewte dazu Huanping Zhang, Geschäftsführer der Eurasian Consulting GmbH und erfahrener Berater für Übernahmen in Deutschland.

Nach Zhangs langjähriger Erfahrung ist chinesisches Kapital in Deutschland sehr willkommen. Neben traditionellen Stärken wie Automobilzulieferung und Maschinenbau treten chinesische Unternehmen zunehmend auch in Medizin, Automatisierung und sogar Finanzdienstleistungen auf.

Fosun International plante damals den Erwerb der Privatbank Hauck & Aufhäuser für 233 Millionen US-Dollar, entsprechend etwa 1,82 Milliarden Hongkong-Dollar. Die Zustimmung der deutschen Aufsicht stand noch aus. Ein erfolgreicher Abschluss würde einen weiteren Fortschritt chinesischer Käufer auf dem deutschen Übernahmemarkt markieren.

Chinesische Übernahmen in Deutschland: vom quantitativen Wachstum zum qualitativen Wandel

Eurasian Consulting hat seit mehr als zehn Jahren die Entwicklung chinesischer Unternehmen in Deutschland begleitet. Zhang sieht zwei entscheidende Wendepunkte. Vor 2008 betrafen Übernahmen vor allem die Fertigungsindustrie, etwa Werkzeugmaschinen und Ausrüstung. Häufig waren die Ziele kleine oder insolvente Unternehmen; einzelne Transaktionen erreichten nur wenige Millionen Euro. Ein erfolgreiches Beispiel war der Erwerb des weltweit für Portalfräsmaschinen bekannten Unternehmens Waldrich Coburg durch die Beijing No. 1 Machine Tool Plant am 24. Oktober 2005.

Das damals langsame Vorankommen erklärt Zhang mit mangelnder Kenntnis des deutschen Übernahmemarkts und unzureichender Vorbereitung: Oft reisten Käufer lediglich mit einem Dolmetscher oder einem chinesischen Anwalt an. Wiederholte Ablehnungen verstärkten die pessimistische Stimmung. „Hinzu kam die Finanzkrise 2008 und 2009. Viele Kunden fragten uns, wie sie diese gescheiterten Fälle einschätzen sollten“, sagt Zhang.

Nach der Finanzkrise entwickelten sich die Volkswirtschaften auseinander: Europa und die USA schwächelten, während China gegen den Trend wuchs. Kontinuierliche chinesische Aufträge halfen vielen deutschen Mittelständlern. „Zwischen 2008 und 2014 gab es mehrere wegweisende chinesische Übernahmen in Deutschland.“

Neben Sanys Erwerb von Putzmeister nennt Zhang XCMGs Übernahme von Schwing, dem zweitgrößten deutschen Betonmaschinenhersteller, und den Erwerb des Automobilzulieferers Preh durch Ningbo Joyson Investment Group. Letzteres betrachtet er als einen der bis dahin erfolgreichsten Fälle: Joyson entwickelte sich dadurch von einem regionalen privaten Zulieferer zu einem führenden chinesischen Automobilelektronikunternehmen mit Standorten in Europa, Amerika und Asien.

In dieser Phase nahmen die Übernahmen durch große Privatunternehmen, börsennotierte Gesellschaften und Staatsunternehmen zu. Ziele waren häufig bekannte lokale Marken, Hidden Champions oder sogar Weltmarktführer. Viele Käufer nutzten die Transaktionen zur industriellen Modernisierung. Die Volumina stiegen von wenigen Millionen auf mehrere hundert Millionen Euro.

Nach 2014 verbesserten sich laut Zhang sowohl Anzahl als auch Qualität der Transaktionen erneut. „Die Fälle, die wir derzeit betrachten, erreichen jeweils mehrere Milliarden Euro“, sagt er. „Auch die Branchen verändern sich: Neben klassischer Fertigung kommen Medizin, Finanzdienstleistungen und Automatisierung hinzu.“

Nach deutschen Statistiken stieg die Zahl chinesischer Investitionsprojekte 2014 gegenüber 2013 um 37 %. Germany Trade & Invest nennt Elektronik und Halbleiter (16 %), Maschinenbau (14 %), Finanzdienstleistungen (9 %) sowie Informations- und Kommunikationstechnologie und Software (7 %) als wichtigste Branchen. Die häufigsten Tätigkeiten waren Vertrieb und Marktunterstützung (51 %), gefolgt von Dienstleistungen (8 %). Knapp 10 % der Projekte entfielen auf Produktion und Forschung und Entwicklung.

Zhang und sein Team beobachten zudem deutlich schnellere Entscheidungen chinesischer Käufer. „Seit 2014 ist der Markt zielobjektorientiert und von Verkäufern geprägt. Wer als chinesisches Unternehmen zu langsam handelt, verpasst die Gelegenheit.“

Deutsche Verkäufer wünschen ausdrücklich chinesische Käufer

Seit 2014 fällt Zhang auf, dass deutsche Unternehmen Eurasian Consulting als Verkäuferberater ausdrücklich beauftragen, auch chinesische Unternehmen oder Investoren anzusprechen. „Ohne einen chinesischen Käufer glauben die Verkäufer, wir hätten unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Viele verlangen inzwischen ausdrücklich einen chinesischen Erwerber“, sagt er. China ist der weltweit größte Markt in Segmenten wie Automobilen, Ausrüstung und Beton. Andere europäische oder amerikanische Interessenten werden deshalb manchmal nur als Begleitbieter betrachtet. „Die Dynamik des Verkäufermarkts zeigt die weiterhin hohen Erwartungen an chinesische Käufer.“

Ein Grund liegt in deren Finanzkraft, insbesondere aus Sicht deutscher Mittelständler – ob Hidden Champion oder nicht. Auch sie stehen unter Globalisierungsdruck. „In Familienunternehmen lässt nach mehreren Generationen manchmal der Unternehmergeist nach. Zahlreiche kleinere Gesellschafter denken eher an Dividenden als an die langfristige Entwicklung“, erklärt Zhang. „Zudem sind europäische Margen gering, ein Börsengang ist für traditionelle Familienunternehmen schwierig, und Banken vergeben Kredite an Mittelständler restriktiv. Das begrenzt ihre Liquidität.“ Ein kapitalkräftiger chinesischer Käufer kann daher gerade rechtzeitig Hilfe bringen.

Deutsche Mittelständler besitzen außerdem oft nur begrenzte Möglichkeiten zur Markterschließung und tun sich beim Eintritt in China schwer. Die Übernahme durch ein dort bereits etabliertes Unternehmen mit eigenem Vertriebsnetz kann deshalb attraktiv sein.

Chinesische Käufer erwerben laut Zhang häufig nicht sämtliche Anteile, sondern belassen 20 bis 30 % bei der bisherigen Seite. „Diese Beteiligung bedeutet auch, dass das ausländische Management weiterhin tatsächliche Entscheidungsbefugnisse behält.“

Zhang nennt drei Motive für deutsche Übernahmen: Technologie, dauerhaft etablierte Marken und Marktzugang. Markenaufbau braucht Zeit; deutsche und andere ausländische Kunden kennen chinesische Marken oft kaum. Durch eine Übernahme kann ein Käufer schnell eine seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten bekannte Marke erwerben. Prehs Geschichte reicht beispielsweise bis 1919 zurück. Zhang beobachtet, dass chinesische Unternehmen heute nicht einfach Marke und Technologie mitnehmen und wieder gehen, sondern langfristige Entwicklung anstreben.

Deutsche Gewerkschaften nicht dämonisieren

„In China bestehen noch viele Missverständnisse über Gewerkschaften. Keines unserer Projekte stieß auf starken gewerkschaftlichen Widerstand. Im Gegenteil: Chinesische Investoren wurden willkommen geheißen“, sagt Zhang. In vielen Fällen unterstützten Gewerkschaften chinesische Käufer ausdrücklich, während sie den Einstieg von Private Equity und anderen Finanzinvestoren sorgfältiger abwögen.

„Wenn es tatsächlich Widerstand gibt, sollte man prüfen, ob die Haltung bei der Übernahme richtig war. Ein falscher Ansatz kann den Grundstein für spätere Hindernisse legen“, warnt Zhang.

Auch die deutschen Medien beurteilen chinesische Investoren nach seiner Ansicht zunehmend pragmatisch. „Vor einigen Jahren gab es noch negative Berichte. Man fürchtete, Käufer würden Marken und Technologien vollständig nach China verlagern. Später zeigte sich, dass dies nicht geschah.“

So sei die Berichterstattung über Fosuns geplanten Erwerb einer deutschen Privatbank relativ neutral, obwohl die Finanzwirtschaft ein sensibles Segment der deutschen Wirtschaft bleibe.

Bei den typischen Problemen chinesischer Übernahmen unterscheidet Zhang drei Bereiche. Zuerst nennt er Führungskultur und Unternehmensführung. „In vielen chinesischen Unternehmen entscheidet der Eigentümer allein. In Deutschland entscheiden die Gesellschafter über die Strategie und das Management über den Betrieb. Ein Alleinentscheidungsmodell ist deshalb schwer umzusetzen.“

Zweitens fehlen häufig Fachkräfte mit internationaler Managementerfahrung. Viele deutsche Mittelständler brauchen Personen, die Deutsch sprechen und Managementerfahrung besitzen – eine Herausforderung für chinesische Unternehmen, die Personal ins Ausland entsenden.

Drittens bestehen Unterschiede bei Vergütung und Reisekosten. „Deutsche Ingenieure sind möglicherweise Business-Class-Reisen gewohnt. Man kann ihnen nicht dieselben Economy-Vorgaben wie chinesischen Beschäftigten machen. Manche verdienen mehr als chinesische Unternehmensleiter; nach einer Übernahme eine Gehaltskürzung zu verlangen, ist unmöglich“, sagt Zhang. Die ausländischen Kosten zu senken sei ebenso problematisch wie die chinesischen sofort anzuheben. Das Unternehmen müsse nach der Übernahme vermitteln und Unterschiede schrittweise verringern.

Wer auf dem deutschen Markt erfolgreich sein will, braucht daher neben einem vorbereiteten Team, Personalreserven und Erfahrung einen guten Investmentbankberater oder Vermittler. Die Kompetenzen müssen während der Übernahmen schrittweise wachsen; Ungeduld und der Wunsch nach einem sofortigen Gesamterfolg sind fehl am Platz.

Zhang erwartet, dass Auslandsübernahmen künftig für das Überleben von Unternehmen notwendig werden. Die Fähigkeit zum Erwerb und zur Integration wird zu einer zentralen Wettbewerbsstärke erfolgreicher chinesischer Unternehmen.
  • Pay attention to us

Business Liaison:

Germany:+49 (0)69 2713 9970

China:+86 (0)21 3461 8683