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Chinesische Investoren: vom roten Drachen zum weißen Ritter
Quelle: das deutsche Magazin „Automobil Industrie“
Ein Imagewandel dauert gewöhnlich lange. Audi benötigte beispielsweise viele Jahre, um sich vom einstigen Spezialisten für Autos älterer Fahrer zum Vorreiter moderner Premiumfahrzeuge zu entwickeln. Chinesische Investoren zeigen jedoch, dass es auch schneller gehen kann: Was vor wenigen Jahren noch als „roter Drache“ gefürchtet wurde, gilt heute als echter „weißer Ritter“.
-Christoph Baeuchle-
Sun Yi, China-Branchenexperte und Berater bei Ernst & Young in Deutschland, bestätigt den neuen Trend: „Chinesische Investoren suchen nicht mehr nur nach oberflächlichen Merkmalen, sondern nach neuen Stärken mit echten Kernkompetenzen.“ Immer mehr ausländische Unternehmen suchen deshalb aktiv den Austausch mit asiatischen Investoren, und die Zahl grenzüberschreitender Übernahmen steigt deutlich. „Das Geschäftsvolumen 2013 lag bereits über dem der beiden vorangegangenen Jahre zusammen“, erläutert Sun.
Auch Chinas Direktinvestitionen in Deutschland sind stark gestiegen. Zwischen 2003 und 2011 erhöhten sie sich von jährlich 25 Millionen auf 512 Millionen US-Dollar, also auf mehr als das Zwanzigfache. Der zitierte Bericht der Bertelsmann Stiftung prognostiziert bei Fortsetzung dieses Trends ein jährliches Wachstum auf das Dreifache und einen Betrag von 2,1 Milliarden US-Dollar bis 2020. Viele deutsche Unternehmen stehen diesen Direktinvestitionen positiv gegenüber.
Noch wenige Jahre zuvor war die Situation ganz anders: Einige Automobilhersteller befürchteten Unruhe bei ihren Zulieferern nach einer chinesischen Übernahme. Insbesondere OEM-Hersteller sorgten sich um die Folgen eines Eigentümerwechsels bei ihren Lieferanten. Auch diese Haltung wandelt sich inzwischen.
Einige Hersteller begrüßen die Unterstützung aus Asien ausdrücklich. „Rund 20 Lieferanten, mit denen BMW zusammenarbeitet, haben mithilfe chinesischer Investoren eine sehr stabile finanzielle Grundlage gewonnen und können weiterhin eigenständig arbeiten“, sagte Klaus Draeger, der im Bericht als jüngster BMW-Einkaufsleiter bezeichnet wird.
Die Sorge vor dem Abfluss von Technologie besteht in vielen Unternehmen weiterhin. Beide Seiten haben jedoch dazugelernt. „Deutsche Unternehmen schützen ihre Technologie immer besser. Gleichzeitig haben chinesische Unternehmen verstanden, dass bloßes Eins-zu-eins-Kopieren nicht genügt“, sagt Sun.
Unterschätzen Sie nicht die bestehenden Hindernisse
Eine im vergangenen Sommer veröffentlichte EY-Studie nennt chinesische Unternehmen nach den USA, der Schweiz und Großbritannien als viertgrößte Investorengruppe in Deutschland. Im Mittelpunkt stehen Maschinenbauunternehmen (57 %) und Automobilunternehmen (42 %). Auch die Investitionsleitlinien chinesischer staatlicher Stellen heben Deutschland als wichtiges, politisch priorisiertes Zielland hervor.
Sun warnt jedoch davor, dass chinesische Investoren beim Markteintritt manchmal zu unbedacht handeln: „Viele Führungskräfte sprechen kein Englisch, sodass Telefonkonferenzen zwischen zwei Sprachen übersetzt werden müssen. Staatliche Genehmigungen dauern lange; auch nach einer Vereinbarung braucht die gemeinsame Entwicklung Zeit. Zu Beginn der Zusammenarbeit führen kulturelle Unterschiede zu unterschiedlichen Sichtweisen und Arbeitsvorstellungen.“
SaarGummi und der chinesische Investor Chongqing Qingfang Holding Group (CQLT) überwanden im Frühsommer 2011 zahlreiche Hindernisse und vereinbarten schließlich die Zusammenarbeit. Der Einstieg rettete den Hersteller von Dichtungssystemen vor der Insolvenz. „Ein finanzstarker Investor wie CQLT bietet uns entscheidende Vorteile bei der Sicherung von Produktion und Arbeitsplätzen“, sagt SaarGummi-Geschäftsführer Markus Wittmann. Nach der Übernahme erhielt das Unternehmen finanzielle und operative Unterstützung.
Nachdem die Existenz gesichert war, rückte beim Dichtungsspezialisten wieder die Expansion in den Mittelpunkt. „Die Übernahme erleichtert uns die weitere Erschließung asiatischer Märkte“, sagt Wittmann. „Wir haben bereits zwei Produktionsstätten in China, in Chongqing und Yantai. Weitere Standorte, etwa in Shenyang, sind geplant; auch Indien und Südkorea kommen infrage.“
Gegenseitige Unterstützung
In der internationalen Automobilindustrie geraten Zulieferer ohne globale Präsenz ins Hintertreffen. Vergleichbare Erfolge wie bei SaarGummi zeigen sich auch anderswo. „Durch den ausgezeichneten Marktzugang unserer Muttergesellschaft Joyson konnten wir sehr schnell und erfolgreich in China Fuß fassen. Die Maßnahmen der Muttergesellschaft wirkten, als hätten wir sie selbst umgesetzt, oder wie bei einem klassischen Joint Venture“, sagt Michael Roesnick, Vorsitzender von Preh. „Zuvor war der chinesische Markt für uns ein weißer Fleck.“
Die Unterstützung ist gegenseitig. Der Spezialist für automobile Innenausstattung aus Bad Neustadt in Unterfranken hilft auch Joyson bei der Expansion. „Wir unterstützen uns intern und arbeiten bei der Erschließung jedes neuen Marktes eng zusammen“, sagt Roesnick. Preh unterstützt die Muttergesellschaft beim Eintritt in Nordamerika und Europa.
Von seinem unterfränkischen Hauptsitz aus steuert der Automobilelektronikzulieferer Preh inzwischen Joysons weltweite Aktivitäten in diesem Bereich. Der wichtigste Technologie- und Entwicklungsstandort bleibt Bad Neustadt. „Joysons Management weiß sehr genau, dass Prehs gewachsene Innovations- und Entwicklungskultur die Kernkompetenz des Unternehmens ausmacht“, sagt Roesnick.
Wie bei Preh behalten chinesische Käufer häufig das deutsche Management bei und vermeiden anfangs Eingriffe in das operative Tagesgeschäft. Auch Karl Krause, Vorstandsvorsitzender der Kiekert AG, bestätigt: „Unsere Organisationsstruktur hat sich nach dem Wechsel des Hauptaktionärs nicht verändert.“ Der bekannte Hersteller von Fahrzeugschließsystemen arbeitet weiterhin eigenständig.
Nach Gesprächen mit mehreren Investmentgesellschaften hoffte Kiekert, durch die Zusammenarbeit mit der North Lingyun Industrial Group Corporation seine Entwicklung nachhaltig zu stabilisieren. „Ein asiatischer strategischer Investor mit Industrieerfahrung war unsere erste Wahl, denn Asien wird künftig die weltweite Automobilindustrie antreiben“, betont Krause. Nach zwei Jahren Vorbereitung wurde im März 2012 schließlich der Übernahmevertrag geschlossen.
Nun steht erneut die Expansion im Vordergrund. Mit dem chinesischen Investor kann Kiekert die asiatischen Märkte aktiver erschließen. Der nächste Schritt lautet: „In diesem Jahr werden wir parallel Werke in Mittel- und Osteuropa errichten oder erweitern und die weitere Expansion nach Südamerika vorbereiten.“

